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Arabische Eroberung

Die scherifischen Dynastien

Saaditen (1554-1659)

Die Saaditen sind, wie die Nachfolgerdynastie der Alouiten, Schorfa (Ez.: Scherif). Das bedeutet wörtlich "die Edlen" und bezeichnet diejenigen, die ihre Herkunft von der Familie des Propheten Muhammed ableiten. Damit kommen wir also in die arabischen Epoche und lassen das Zeitalter der Berberdynastien hinter uns.

Die Saaditen stammen wie die Beni Hillal aus dem Hidschaz (arabische Halbinsel) und wanderten am Beginn des 14. Jhs. in Südmarokko ein; dort ließen sie sich im Dar'a-Tal (franz. Vallee du Drâa) nieder. Die Bevölkerung der Küstenzone und des Anti Atlas war, wie bereits erwähnt, immer wieder von portugiesischen Raubzügen heimgesucht worden, die im Laufe der unstabiler werdenden politischen Situation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch zunahmen. So war also die Grundvoraussetzung für eine starke religiös-politische Führerrolle gegeben.

Die Saaditen, waren aufgrund ihrer scherifischen Herkunft und ihres religiösen Ansehens dazu berufen, den Kampf gegen die Portugiesen zu führen.1511 begann der Scherif von Tagmaddart einen Kleinkrieg gegen die Invasoren, indem er sich die Unterstützung von seiten der Marabouts zusichern ließ. Aber erst unter seinem Sohn Muhammed al-Mahdi nahm der Aufstand überregionale Dimensionen an. Bis 1541 hatte er die Portugiesen aus fast allen Küstenstädten vertrieben, im Jahr 1554 fiel Fes, die Hochburg der Wattasiden.

Mohammed I., der erste Herrscher der neuen Dynastie, wählte Marrakech zur neuen Hauptstadt. Die Autorität über Marokko wurde wiederhergestellt und das Reich wurde administrativ gefestigt. Im Jahr 1578 wurden die Portugiesen in der "Dreikönigsschlacht" bei Ksar el-Kebir vernichtend geschlagen. Der portugiesische König Sebastiao, der durch diese Schlacht die christliche Souveränität über die Küste wiederherzustellen hoffte, verlor dabei sein Leben. Ebenso starb der Saaditenherrscher Abdalmalik woraufhin sein Bruder Abul-Abbas Ahmed, der die Schlacht gewonnen hatte und später den Beinamen el-Mansur (der Siegreiche) erhielt, die Regierungsgewalt übernahm. Ahmed al-Mansur gilt als der fähigste Herrscher der Dynastie. Er leitete eine Periode des "Friedens und Wohlstandes" ein, und das Reich expandierte. 1591 eroberten seine Truppen Timbuktu und brachten von dort mehrere tausend schwarze Sklaven nach Marokko. Die Saaditen wurden dadurch für ein halbes Jahrhundert die Herren über den westlichen Sudan. Ein Gebiet, das sich vom Senegal bis nach Bornu im heutigen Tschad erstreckte. Doch wie es schon früher passierte, so kam es auch diesmal nach dem Ableben eines starken Herrschers (Ahmed al-Mansur starb 1603) zu einem rapiden Verfall. Im Verlauf der Thronstreitigkeiten, die unter den Söhnen Ahmed al-Mansurs ausbrachen, zerfiel die Zentralmacht immer mehr. Larache wurde von den Spaniern eingenommen, Fes entzog sich der Oberherrschaft. In Rabat und Sale errichteten die aus Andalusien geflüchteten Moslems, die sogenannten Hornacheros, die durch Piraterie zu beträchtlichem Reichtum gekommen waren, einen unabhängigen Kleinstaat. Dieser ist unter dem Namen "Republik von Bou Regreg" in die Geschichte eingegangen. Die Korsaren von Sale, wie man sie in europäischen Geschichtswerken und Reisebeschreibungen nannte, wurden im westlichen Mittelmeer besonders von den Handelsflotten sehr gefürchtet. Die Raubzüge erstreckten sich sogar bis an die englische Küste. Mit dem Niedergang der saaditischen Macht betraten eine Reihe von religiösen Fürstentümern, mit Marabouts und Schorta an ihrer Spitze, die Bühne; so im Sus (franz. Sous) Sidi Ali, im Gharb (NW-Marokko) al-Ayyaschi und im Tafilalt die Hassani-Schorfa, besser bekannt unter dem Namen Alouiten.

Alouiten (seit 1659)

Nachdem sich die Hassani im Tafilalt etabliert hatten, begannen sie Raubzüge im Norden zu unternehmen. Überdies machten sie sich daran, den Osten unter ihre Gewalt zu bringen. Moulay ar-Raschid (Regierungszeit 1664-1672) gelang es, Fes einzunehmen und bald darauf Marrakech. Erneut kam es zur Schaffung eines gesamtmarokkanischen Reiches. Die Nachfolge von Moulay ar-Raschid trat Moulay Ismail an, der bis 1727 an der Macht war. Während der ersten fünfzehn Jahre bildete er eine Armee aus schwarzen Sklaven heran, die er im Laufe seiner langen Regierungszeit auf 150.000 Mann anwachsen ließ. Moulay Ismail gelang es u.a. mit dieser Armee auch, die letzten Widerstandsnester auszumerzen. Im Atlas postierte er Garnisonen in Kasbahs und schuf damit Ruhe unter den Berbern. Aber auch an der christlichen Front blieb er nicht untätig. Er entriß den Spaniern Larache, Asilah und Tanger. Nur Ceuta vermochte er trotz jahrelanger Belagerung nicht einzunehmen. Das "bilad al-makhzan", das Land unter staatlicher Kontrolle, erstreckte sich über nahezu ganz Marokko. Der Unterlauf des Moulouya-Flusses bildete für lange Zeit die Ostgrenze des Cherifischen Reiches. Marokko blieb, wie seit jeher, eine Ansammlung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, deren Zusammenhalt nur durch die Persönlichkeit eines starken Herrschers garantiert war. Nach dem Tod Moulay Ismails 1727 kam es drei Jahrzehnte lang zu Streitigkeiten um den Thron. Moulay Muhammed (1757-1792) gelang es schließlich, die Autorität der scherifischen Dynastie wiederherzustellen. Mit der Eroberung von Mazagan (EI Jadida) im Jahr 1769 nahm er die letzte Bastion der Portugiesen ein. Er versuchte, die miserabie finanzielle Lage, in der sich das Reich befand, durch Forcierung des Handels mit Europa zu verbessern. Er schloß Handelsverträge mit Dänemark, Schweden, England und Frankreich und gründete die Stadt Mogador (Essaouira) als zentralen Handelspunkt, um Kaufleute anzuziehen. Moulay Sliman (1794-1822) hatte lange Zeit mit dem nach dem Tode Moulay Muhammeds neu entfachten Widerstandsgeist der Berber zu kämpfen, die sofort die Gelegenheit, die sich durch eine schwache Regierung bot, ergriffen, um sich selbständig zu machen. Moulay Sliman war es, der Marokko nach außen hin abschloß. Die Kontakte mit den christlichen Kaufleuten wurden auf ein Minimum reduziert, aus Furcht vor verschwörerischen Verbindungen mit den aufsässigen Berbern. Auch die Nachfolger Moulay Slimans verfolgten eine Politik der Abschottung, die aber im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jhs. zu einer aufgrund der innenpolitischen Schwäche immer stärkeren Infiltrierung durch Europäer führte, die Anfang dieses Jahrhunderts schon einen bestimmenden Einfluß auf die Wirtschaft und Politik des Landes ausübten. Im Innern des Landes sagten sich die vom Machtzentrum weit entfernten Gebiete von der Regierung los, und der bilad al-makhzan, die Kontrolle über das Land, schrumpfte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Moulay al-Hassan (1873-1894) konnte den Zusammenbruch noch um einige Jahre verzögern, auch weil sich die Situation auf der internationalen Bühne grundlegend geändert hatte. Die Franzosen hatten schon 1830 mit der Kolonialisierung Algeriens begonnen und zogen in den folgenden Jahrzehnten den Neid der anderen Großmächte auf sich, die sich ebenso ihre Kolonialreiche schufen. Das Zeitalter des Imperialismus war in voller Blüte. Jede der vier Großmächte rechnete sich Chancen auf Marokko aus, das nicht zuletzt durch diese Rivalität relativ spät in den "Genuß" der Kolonialherrschaft kam. Es war schon mehrmals zu Gefechten zwischen Europäern und Marokkanern gekommen. Das folgenschwerste aber war sicherlich der 1859 von den Spaniern errungene Sieg, der als Antwort auf die andauernden marokkanischen Angriffe auf die spanischen Enklaven gefeiert wurde. Das Resultat war der Vertrag von Tetouan (1860), in dem Marokko verpflichtet wurde,100 Millionen Reals als Wiedergutmachung zu zahlen. Dies war der Grundstein zum Ausverkauf Marokkos durch die Kolonialmächte und zum 50 Jahre später errichteten spanisch-französischen Protektorat. Unter Sultan Abd el-Aziz (1894-1908) traten die Unabhängigkeitsbestrebungen der Berberstämme wieder in den Vordergrund. Anfang des Jahrhunderts begann dann die europäische Aufteilungspolitik hinsichtlich Afrika. 1906 wurde durch Deutschlands wirtschaftliche Ambitionen in Marokko (Mannesmann) die Unantastbarkeit des Landes in der Konferenz von AIgeciras festgelegt. Doch schon ein Jahr darauf provozierten die Franzosen in Marokko Unruhen, denen sie dann durch die Entsendung eines Expeditionskorps entgegentraten. Die Städte Casablanca, Agadir, Rabat, Safi und Essaouira wurden besetzt. 1911 rief der durch die Berber in Fes eingeschlossene Nachfolger Abd el Aziz', Sultan Abd el-Hafiz, die Franzosen zu Hilfe, die daraufhin Mitte des Jahres in Fes einmarschierten. Auch das "Unternehmen Panthersprung" (das Erscheinen des deutschen Kanonenbootes "Panther" vor Agadir) konnte die Schutzherrschaft Frankreichs über Marokko nicht verhindern. Am 30. März 1912 wurde fast ganz Marokko (der nördlichste Teil war von Spanien kontrolliert) zum französischen Protektorat.

Die Kolonialzeit (1912-1956)

Die Hauptstadt des französischen Territoriums wurde Rabat, die Spanier wählten Tetouan zum Verwaltungssitz. Tanger wurde internationale Zone.

Der französische Gouverneur Marschall Louis Hubert Lyautey regierte das Land, während der Sultan eine rein formelle Funktion ausübte. Es bedurfte 20 Jahre unausgesetzter militärischer Anstrengungen, ehe Frankreich und Spanien den Kleinkrieg gegen die einheimischen Stämme gewannen. Im Norden, im Rifgebirge, konnte sich der Berber Abd el-Karim al-Khattabi jahrelang gegen die Spanier erfolgreich zur Wehr setzen und sogar eine "Rif-Republik" ausrufen, die von 1922 bis 1926 Bestand hatte. Er wurde schließlich von einer vereinigten französischspanischen Armee unter massivem Einsatz von deutschem Giftgas besiegt. Abdelkrim wurde daraufhin von den Franzosen auf die Insel Reunion verbannt, von wo er 1947 flüchten konnte; er starb erst im Jahre 1963 in Ägypten. Im Süden vereinte Ahmed al-Hiba die Berber des Sous, nachdem schon sein Vater Maa al-Ainain erfolgreich gegen die europäischen Usurpatoren gekämpft hat. Das zahlenmäßige Verhältnis im Laufe der "Befriedung" Marokkos sah für die Marokkaner denkbar schlecht aus: rund einer halben Million moslemischen Toten standen knapp 30.000 französische Opfer gegenüber. Ein Verhältnis, das sich dreißig Jahre später im algerischen Befreiungskrieg wiederholte. 1930 wurde von den Franzosen im Namen des Sultans Mohammed V., der damals 21 Jahre alt war, das Berber-Dekret (der "Dahir") erlassen, das die Teilung der Araber und Berber zum Ziel hatte, nach dem Gedanken des divide et impera. Den Berbern wurde darin eine eigene Rechtssprechung nach ihrem Gewohnheitsrecht zugebilligt, während die Araber am islamischen Recht festhalten sollten. Doch die "umma al-islamijja", das islamische Zusammengehörigkeitsgefühl, war stärker als die politischen Ziele der Franzosen. Als Resultat kam es zu einem erwachenden Nationalismus und zur Gründung der ersten politischen Parteien in Marokko, des Marokkanischen Aktionskomitees in der französischen Zone und der Nationalen Reformpartei im spanischen Territorium. Aus dem ersteren entstand im Jahre 1944 nach dem Zusammenschluß mit der Partei der Marokkanischen Volksbewegung die Marokkanische Unabhängigkeitspartei oder Istiqlal, wie sie auf arabisch genannt wurde. Allal al-Fassi wurde ihr legendärer Führer und die bestimmende Person im Unabhängigkeitskampf. Die Rede, die Sultan Mohammed V. 1947 in Tanger hielt, in der er unverhohlen die Linie der Istiqlal-Partei vertrat, war der Ausgangspunkt zur Verbreitung des Unabhängigkeitsgedankens auch im ländlichen Raum beim "einfachen Volk". Die nationalistische Bewegung konnte nun auch endlich in den Bergen Fuß fassen und verfügte auch im Ausland bald über einen Propagandaapparat. In der Folge kam es zu Masseninhaftierungen, Presseverbot und Landesverweisungen. Im August 1953 wurde Mohammed V. vom Thron abgesetzt und nach Madagaskar ins Exil verschickt. Ben Arafa wurde zum Marionettensultan von Frankreichs Gnaden erhoben. König Hassan II Die folgenden zwei Jahre waren von Terrorismus, Befreiungsarmee, Einkerkerungen und Todesstrafen gekennzeichnet, doch der Aufruhr konnte nicht mehr eingedämmt werden. Gegen Ende 1955 dankte Ben Arafa ab. Mohammed V. kehrte aus dem Exil zurück und wurde begeistert in Rabat empfangen. In einer Reihe von Abkommen wurde schließlich am 2. März 1956 das Ende des französischen Protektorats besiegelt, am 8. April 1956 trat Spanien als Schutzmacht zurück. Tanger blieb bis 1960 internationaler Freihafen. Ceuta und Melilla sind bis heute in spanischem Besitz. Am 16. August 1956 nahm Mohammed V. den Königstitel an. Er starb 1961.

Die Nachfolge trat sein Sohn Hassan II. an.

S.M. Hassan II. regierte bis 1999. Er starb am 23.07.1999.