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Die Arabische Eroberung

ChellaDas erste Eindringen der Araber in Marokko ist mit dem Namen Oqba Ibn Nafi verbunden, der im Rahmen des großen islamischen Eroberungsfeldzuges des 7. Jahrhunderts der Überlieferung nach im Jahre 682 bis zum Atlantik vorstieß. Möglicherweise erreichte er sogar die Sous-Ebene im Raum des heutigen Agadir. Danach kämpfte er gegen die Berber im Mittleren Atlas, die in großer Zahl den Islam annahmen. Doch deren Widerstand war damit nicht gebrochen, und zahlreiche Aufstände zwangen Oqba zum Rückzug nach Osten, bei dem sein Heer in der Nähe von Biskra (Algerien) von der Berberarmee unter Kusaila Ben lemzen vernichtend geschlagen wurde und Oqba den Tod fand. Erst im Jahre 705 begann ein zweiter Vorstoß Richtung Atlantik unter der Führung Musa Ibn Nusairs. Marokko wird dem Omajjadenkalifat von Bagdad einverleibt und wird ein Teil der Provinz Ifriqija (= Afrika). Der Islam breitet sich immer weiter aus, hauptsächlich in der Form der heterodoxen charidschitischen Lehre, die sich auf Fatima und Ali, Tochter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, bezieht und das Omajjadenkalifat als unrechtmäßig ablehnt. 711 setzt Tariq Ibn Zijadnach Gibraltar (= Dschebel at-Tariq/Berg des Tariq) über und leitet damit die Eroberung der iberischen Halbinsel ein. Binnen zwei Jahren gelingt es dem arabisch-berberischen Heer, nahezu das ganze heutige Spanien in seinen Besitz zu bringen. In Marokko kommt es in den folgenden Jahrzehnten zu mehreren Aufständen, deren bedeutendster, von Maisara al-Matghar geführt (739-740), die Loslösung vom Kalifat zur Folge hat und das Land in anarchische Zustände stürzt.

Idrissiden (788-974)

Moulay IdrissDurch die Dynastie der Idrissiden wird zum ersten Mal der Versuch gestartet, ein selbständiges staatliches Gemeinwesen zu organisieren. Idris I. errichtet sein befestigtes Lager Madinat Fas, das unter seinem Nachfolger Idris II. (803-828) die Züge der künftigen Stadt Fas annimmt. Um das Ende des 8. Jh. erfolgt die Errichtung der Moschee der Fatima, der nachmaligen Kairaouyine-Moschee. Das Arabische wird als Verwaltungssprache immer gebräuchlicher, und der sunnitische Islam (die orthodoxe Richtung des Bagdader Kalifats) gewinnt allmählich die Vorherrschaft.

Das letzte Jahrhundert der nominellen Idrissidenherrschaft ist durch die Interessenskonflikte der Fatimiden und spanischen Omajjaden geprägt, die von den jeweiligen berberischen Verbündeten ausgefochten werden. Die Konsequenz ist eine Abfolge von instabilen Stammesfürstentümern, die sich abwechselnd gegenseitig bekämpfen. Die Ziridenemire von Aschir, fatimidische Vasallen aus der Gruppe der Sanhadscha-Berber im heutigen Algerien, fallen nach Marokko ein und erreichen sogar den Atlantik.

Fatimiden, Ziriden (974-1061)

Am Anfang des 10. Jhs. entwickelte sich in Nordafrika eine Dynastie, die sich gegen das herrschende Abbasidenkalifat stellte und dem schiitischen Glaubenszweig (Ismailiten) anhing. Die Herkunft dieser neuen Herrscherfamilie lag im Bereich zwischen Ostalgerien und dem westlichen Libyen. Aber im Verlauf weniger Jahrzehnte dehnte sie ihre Macht bis Ägypten (969) und Marokko aus. Im Verlaufe dieser Expansion kam es zu einer Berührung mit der Interessenssphäre des spanischen Omajjadenfürsten Abderrahman III. Das Interesse der Fatimiden aber richtete sich nach der Eroberung Ägyptens immer mehr nach Osten, so daß sich in Nordalgerien eine neue Dynastie etablieren konnte, die Ziriden. Sie gehörten zum seßhaften Zweig der Sanhadscha-Berber. Im Jahre 1045 sagte sich al-Mu’izz, der bedeutendste Ziridenemir, von den Fatimiden los und unterstellte sich dem Kalifat von Bagdad. Diesen Ungehorsam beantwortete der Fatimidenherrscher al-Mustansir mit der wohl folgenschwersten Entscheidung für den gesamten Maghreb: der Entsendung der Beni Hillal-Nomaden nach Westen.

Beni Hillal Dieser Nomadenstamm lebte ursprünglich im Hidschaz (südl. arabische Halbinsel). Schon in der ersten Hälfte des 8. Jh. kam er zusammen mit dem Bruderstamm der Sulaim nach Unterägypten, von wo sie wegen ihres Ungehorsams im letzten Drittel des l0. Jh. vom Fatimidensultan al Aziz nach Oberägypten umgesiedelt wurden. Um die Mitte des 11. Jh. veranlaßte, wie erwähnt, al-Mustansir die Beni Hillal (als Strafexpedition gegen die abtrünnigen Ziriden), gegen Westen aufzubrechen. Damit begann die große Wanderungsbewegung nach Nordafrika (um 1052). Diese Invasion ging sehr schnell vor sich und zog einen Streifen der Verwüstung hinter sich her. Die Bewohner flüchteten in die Städte, während die Hillalscharen die Felder und Dörfer niederbrannten. Schon 1053 hatten die Banu Ridschah, die Vorhut des Hauptstammes, Gabes (Tunesien) erreicht und besiegten den Ziridenemir al-Mu'izz, der seine Residenzstadt Qairawan (Kairouan/Nordtunesien) räumen mußte. Die Beni Hillal hatten nun Tunesien und den Großteil des Departement Constantine in ihrer Hand und stießen weiter nach Zentralalgerien vor. Die Hammadidenemire, die diese Region beherrschten, verstanden es besser, diese plündernden Horden zu zähmen. Sie gliederten sie teilweise in die Armee ein und zahlten ihnen Subsidien. Die verschiedenen Hillalgruppen drangen in der Regenzeit nach Süden vor, um für ihre Tiere Weideplätze zu finden. Ein Tauschhandel mit der einheimisehen Bevölkerung entwickelte sich, und die Nomaden übernahmen gegen Schutzzölle die Sicherung der Karawanen bzw. Handelswege. Die Beni Hillal assimilierten sich also langsam, und im Laufe der folgenden Jahrzehnte ergab sich ein mehr oder minder friedliches Zusammenleben zwischen arabischen Nomaden und seßhaften Berbern. Der Ansturm der Almohaden (siehe unten) ließ das Ziriden- und Hammadidenreich endgültig zusammenbrechen. Abdelmoumen, der erste große Herrscher der neuen Dynastie, besiegte die Beni Hillal bei Setif und Qairawan und drängte sie mehr und mehr in die nordmarokkanische Tiefebene. Auch innerhalb dieses Gebietes verteilte er sie immer wieder neu und erreichte damit eine gute Kontrolle über diese Stämme. Mit der Zeit wuchs unter dem Einfluß derselben Umwelt und der gleichen Lebensbedingungen eine Daseinsgemeinschaft, in der wohl die arabische Sprache dominierte, ohne daß jedoch die Verschiedenheiten der traditionsgebundenen Institutionen und Gebräuche verwischt worden wären. Alle Beduinen zwischen der atlantischen Küste und den Grenzen Ägyptens sind also Nachkommen dieses Beni Hillalstammes (und zweier weiterer Stämme, die diesen folgten, des Ma'qil- und des Sulaimstammes), auf sie geht die Verbreitung der arabischen Sprache in Nordafrika zurück.

Almoraviden (1061-1147)

Die Triebkraft des Aufstiegs der Almoraviden (arab.: al-murabitun, von ribat = eine Art "Wehrkloster", ähnlich der Zaouia; die Bewohner dieser Klöster sind die murabitun, also Mönche mit offensivem Missionseifer) ist in einer Reformbewegung zu suchen, die die Rückkehr zum Ur-Islam (also zur reinen, ursprünglichen Lehre) propagierte. An der Spitze dieser Bewegung stand der Theologe Abdallah Ibn Jasin und seine Gemeinschaft von "Kriegermönchen" vom Stamm der Sanhadscha-Berber, die den Schleier trugen und deshalb al-mulattamin genannt wurden (von litam = Schleier). Der Neffe einer der ersten Gefährten Ibn Jasins, Youssuf Ibn Taschfin (1061-1106), wurde zum Begründer der Dynastie. Um 1040 brachen die "verschleierten" Sanhadscha auf, um den Senegal und den Sudan zu islamisieren. Nachdem sie ihre Vorherrschaft im Süden gefestigt hatten, überquerten sie unter der Führung von Youssuf Ibn Taschfin den Atlas und schlugen in der Haouz-Ebene ihr Heerlager auf (1062), aus dem sich dann Marrakech (wörtl.: "die Stadt") entwickelte. Von dort ausgehend eroberten sie im Laufe von weniger als 20 Jahren ganz Marokko und Westalgerien bis Algier.1085 wurde Marrakech Residenzstadt. Nach der Eroberung von Toledo durch Alfons VI. von Kastilien und León riefen die andalusischen Moslems Ibn Taschfin zu Hilfe, der im Jahre 1086 den Christen in der Schlacht bei Zallaqa (Provinz Badajoz) eine schwere Niederiage beibrachte. In der Folge dehnte sich das Almoravidenreich auch über große Teile Spaniens aus, das seit Anfang des 11. Jhs. in viele kleine moslemische Teilreiche (Taifa-Könige) zerfallen war. Der Almoravidenstaat ruhte auf einer losen Organisation von Provinzen, deren Statthalter sehr auf die Beibehaltung ihrer Autonomie bedacht waren. Der andalusische Einfluß wurde sehr stark spürbar. Ibn Taschfin holte Gelehrte, Dichter und Schriftsteller aus al-Andalus in die neue Hauptstadt Marrakech und sorgte in seinem Reich für eine Blüte andalusisch-maurischer Geisteskultur. Auch auf dem Gebiet des Kunsthandwerks und der Architektur wird das andalusische Wissen verarbeitet und weiterentwickelt (besonders in der Ornamentik). In dieser Zeit ist der Ursprung des typisch "maurischen" Stils in Nordafrika zu suchen. Nach dem Tode Ibn Taschfins allerdings zerfiel das Reich der Almoraviden sehr schnell und mit ihm auch die kurze Hochblüte der Geisteskultur. Die regen theologischen Forschungen und Diskussionen, unter Jussuf Ibn Taschfin gefördert, machten unter seinen Nachfolgern einer immer dogmatischeren Starrheit Platz, die so weit ging, daß es als Häresie galt, abweichende Meinungen zu äußern - und darauf stand die Todesstrafe. Gegen Mitte des 12. Jhs. war die Entstehung einer neuen religiösen Bewegung also beinahe absehbar, und diese führte schließlich zum Aufstieg der Dynastie der Aimohaden.

Almohaden (1147 1269)

Der Aufstieg der Almohaden (arab.: almuwahhidun = die Bekenner der göttlichen Einheit, abgeleitet vom arabischen Wort für eins = wahid) ist mit dem Namen eines Masmouda-Berbers aus dem Stamm der Hargha verknüpft: Mohammed Ibn Abdallah Ibn Toumert, der um 1080 geboren wurde und schon in früher Jugend eine asketische Lebensweise und einen religiösen Eifer an den Tag legte. Nach langjährigem Aufenthalt in Andalusien und im arabischen Osten zur Vertiefung seiner Studien kehrte er um 1115-1120 von Ägypten nach Marrakech zurück. Auf seinem Wege entlang der nordafrikanischen Küste predigte er in vielen großen Städten und es sammelte sich bereits eine kleine Schar von Adepten um ihn (u.a. Abd el Moumen, der spätere Herrscher). Aus Marrakech wurde er als politisch gefährlicher Agitator vertrieben und ließ sich schließlich in Tin Mal, wo heute noch sein Ribat (1993 renoviert) zu sehen ist, im zentralen Hohen Atlas nieder (um 1125). Von dort aus verbreitete sich seine Lehre in wenigen Jahren über das gesamte Atlasgebiet (deren Grundprinzip ist die rigorose, doch vergeistigte Interpretation des islamischen Dogmas von der Einheit Gottes; auch der bei den Berbern tief verwurzelte Glaube an einen Erlöser = Mahdi, als der er sich verstand, kam ihm zugute). In der Folge kam es zur Ausrufung des Heiligen Krieges gegen die Almoraviden und zu langwierigen Kämpfen. In dieser Zeit (1130) starb Ibn Toumert, und sein Schüler Abd el Moumen übernahm nach und nach die Führung der neuen Bewegung. Bis 1147 gelang esAbd ei Moumen mit großer Brutalität, ganz Marokko und anschließend das moslemische Spanien sowie Algerien und Tunesien zu erobern (Hinrichtung von fast 30.000 Rebellen). Das Almohadenreich erreichte damit eine größere Ausdehnung als alle Dynastien vor- und nachher. Im Jahre 1162 nahm er den Kalifentitel an. Abd el Moumen gilt als großer Förderer der spanisch-maurischen Kultur, er gründete Universitäten und organisierte die Verwaltung, indem er die traditionellen Stammesinstitutionen der Berber (mit einer religiös-militärischen Hierarchie) übernahm und sie mit der aus Andalusien stammenden Administrationspraxis verband. Marrakech, das er mit prächtigen Bauten schmückte, blieb auch die Hauptstadt des Almohadenreiches. Nach Abd el Moumens Tod (1163) übernahm sein Sohn Abu Yacoub Youssef (bis 1184) das wohl bestorganisierte Imperium des arabischen Westens. Dieser war vor allem ein großzügiger Gönner der Religionswissenschaft und der Philosophie. Den strengen Puritanismus, den die ersten Anhänger der Almohadenlehre befolgten, hatte er abgelegt. Unter ihm und seinem Sohn Abu Youssef Yacoub al-Mansur erreichte die Baukunst und die geistige Kultur Marokkos und Südspaniens ihren Höhepunkt. Die drei "verwandten" Minarette wurden errichtet: der Hassan-Turm in Rabat, die Giralda in Sevilla und die Koutoubijja in Marrakech sowie u.a. die Kasbah der Oudaia in Rabat, die Kasbah von Marrakech und das Bab Aganaou ebendort. Unter Yacoub al-Mansur wurde Rabat die neue Hauptstadt. Doch schon bald nach der Schlacht bei Las Navas de Tolosa (1212), in der der Urenkel Abd el Moumen Mohammed an-Nasir von Alfons VIII. besiegt wurde, brach das Reich auseinander. Die Almohaden mußten sich aus Spanien zurückziehen, in Tunesien löste sich die berberische Dynastie der Hafsiden, und in Algerien übernahmen die Abdalwadiden die Stadt Tlemcen und den Osten des Landes. Beide Dynastien gehen auf einen Gefährten des Ibn Toumert zurück, den MasmoudaBerber Abu Hafs Omar bzw. (mit seinem berberischen Namen) Faskat und Mzal. Das zentrale Kernland übernahmen einige Jahrzehnte später die Meriniden.

Meriniden (1269-1420)

Die Banu Merin besiedelten seit Anfang des 12. Jahrhunderts den Osten und Südosten des heutigen Marokko. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurden diese Zenata-Berber schlecht und recht in die almohadische Armee eingegliedert, um sie besser unter Kontrolle zu bekommen. Doch ihr Führer Abu Jahja Abdelhaqq (bis 1258) organisierte den Widerstand gegen die Almohaden, den sein Bruder Abu Youssef Yacoub verstärkte; schließlich gelang es diesem, die Hauptstadt Marrakech im Jahre 1269 einzunehmen. Unter ihm und seinem Sohn kam es zur Ausdehnung des Reiches bis Algier. In Spanien konnte er allerdings nicht für Ruhe sorgen, was zur Folge hatte, daß ein kastilisch-nasridisches (!) Heer 1291 Tarifa und 1306 für kürzere Zeit sogar Ceuta eroberte. Die Ermordung des Sultans ein Jahr später führte Marokko für mehr als zwei Jahrzehnte in einen Zustand der Anarchie, dem erst die starke Persönlichkeit des Merinidensultans Abu I-Hassan Ali (1331-1351) und seines Sohnes Abu Inan Faris (1351-1358) ein Ende setzte. Letzterer eroberte Tlemcen und sogar Tunis von neuem, konnte sie aber nicht lange halten. Die Meriniden verloren in den darauffolgenden Jahrzehnten immer mehr an Macht und Bedeutung. Die Wattasiden, ein über viele Jahrzehnte treu ergebener Clan, übernahmen die Regierungsgeschäfte und ließen die Merinidennachkommen als Marionettenherrscher nominell an der Macht. Da den Meriniden das religiöse Prestige ihrer Vorgänger fehlte, versuchten sie dieses Manko im bezug auf moralische Autorität wettzumachen, indem sie die Vorkämpfer des Islams in Marokko zu Heiligen erhoben, allen voran Idriss I., der bis heute als Moulay Idriss im religiösen Leben der Marokkaner eine wichtige Rolle spielt. Die dreimalige Pilgerfahrt nach dem gleichnamigen Ort am Zerhoungebirge ersetzt nach Meinung vieler Gläubiger die Wallfahrt nach Marokko.

Die spanisch-maurische Kultur erlebte nochmals eine Blüte. Die Universität von Fes, die Kairaouyine, zog viele Gelehrte aus dem gesamten arabischen Westen an, so auch den berühmtesten arabischen Geschichtsschreiber Ibn Khaldun und den großen andalusischen Dichter Ibn al-Khatib. Fes, die neue Hauptstadt, wurde mit Palästen, Moscheen und Medresen (Koranschulen) versehen und entwikkelte sich zur wichtigsten Handelsstadt im Maghreb. Die innere Organisation des Reiches auf einer soliden Basis war den Meriniden aber nie beschieden. Die Zentralmacht war nicht fähig, die verschiedenen Stammesgruppierungen wirksam unter ihre Herrschaft zu bekommen, vielen lokalen Persönlichkeiten gelang es immer wieder, autonome Klein- und Kleinst-Reiche zu gründen. Im Jahre 1465, nachdem der letze Sultan durch ein Attentat ums Leben gekommen war, übernahmen die Bani Wattas nun offiziell die Macht über den "äußersten Westen", wie Marokko im arabischen Sprachgebrauch genannt wird.

Christliche Offensive und islamische Wiederbelebung

Die internen Schwierigkeiten, mit denen die Meriniden und Wattasiden zu kämpfen hatten, machten es den Christen leicht, eine offensive Position gegen die Mauren zu beziehen. 1415 nahmen die Portugiesen Ceuta ein, 1471 Tanger. In den folgenden Jahrzehnten eroberten sie an der Atlantikküste eine Stadt nach der anderen: Asilah, Anfa (Casablanca), Azzemour, Safi, Mazagan (EI-Jadida) und Santa Cruz (Agadir). Nur Larache konnte seinen unabhängigen Status erhalten. Damit war also nahezu die gesamte Atlantikküste und das angrenzende Binnenland unter portugiesischem Einfluß. Im Osten wurden die Wattasiden von den Spaniern bedrängt. Nachdem im Zuge der Reconquista 1492 die letzte maurische Dynastie auf andalusischem Boden, die Nasriden von Granada, von der Halbinsel vertrieben worden war, setzten die Spanier ihren "christlichen Eroberungsfeldzug" an der nordafrikanischen Küste fort (1507 fiel Marsa alKabir, im Jahr 1509 Oran). Diese Bedrohung durch die Christen hatte eine Renaissance des Islam im l5. Jh. und 16. Jh. zur Folge. Vorbereitet wurde diese Entwicklung einerseits durch die aus dem Osten importierten Sufi-Lehren (Sufismus = islamische Mystik), andererseits durch das Entstehen von religiösen Bruderschaften (arab.: tariqa, vom arabischen Wort für "Weg" = tariq abgeleitet), in denen die Anhänger dieser Lehren organisiert waren. Dies stieß bei den Berbern, die noch immer dem Maraboutismus (= Verehrung von "lokalen Heiligen"; das Wort Marabout bedeutet "Heiliger", bezeichnet aber auch das Grabmal desselben, das zur Befreiung von Krankheiten und ähnlichem aufgesucht wurde) anhingen, auf fruchtbaren Boden. Die religiösen Führer übten im regionalen Bereich einen sehr starken moralischen Einfluß aus, der von der Bevölkerung bereitwillig aufgenommen wurde und zur Bildung eines "religiösen Gemeinschaftsgewissens" führte. Die Folge war eine starke Solidaridät unter den Anhängern der verschiedenen Tariqat, die bis zum heutigen Tag noch spürbar bleibt!